Mein neuer Job

Als ich vor ein paar Jahren in Pension ging hatte ich anfangs keine Ahnung, wie ich die Tage sinnvoll füllen sollte. Das lag zum einen daran, dass alle meine Freundinnen und Bekannten sich noch lange nicht mit dem Pensionärsdasein auseinander setzten mussten, zum anderen aber auch daran, dass ich damals noch keinen unbezahlten Nebenjob hatte…

In den letzten Jahren hat sich im Dienstleistungssektor fast aller Unternehmen einiges spürbar verändert und das hat mittlerweile Auswirkungen auf meinen Tagesablauf. Es beginnt schon mit der Zeitungslektüre. Da die morgendliche Hauszustellung nicht mehr garantiert werden kann, habe ich auf digitale Abos umgestellt, sprich Konten eingerichtet und Apps auf Tablet, PC und Handy installiert. An sich keine grosse Sache, aber wehe, es funktioniert etwas nicht.

Für Zugreisen ins Ausland gehe ich gerne zum SBB Schalter, die Beratung ist zuverlässig und gut. Aber wenn man ein Velo (meist zwei) mitnehmen möchte, stösst das schweizerische Buchungssystem an seine Grenzen und die Mitarbeiter verweisen auf die Bahnunternehmungen des jeweiligen Landes, will heissen, dass man sich selbst am PC durch den elektronischen Reservierungs-Dschungel kämpfen muss. Und natürlich unterscheiden sich diese intuitiven Systeme von Italtien, Frankreich oder Deutschland erheblich. Pech, wenn dann Stunden später und nach etlichen Forentipps im entscheidenden Moment das System aus technischen Gründen leider nicht zur Verfügung steht.

Wir alle arbeiten ja schon lange freiwillig und kostenlos für irgendwelche Konzerne, sei es im Coffee-Shop, Holen und Wegräumen unsrer Bestellung, Self-Checkout im Supermarkt oder ganz selbstverständlich als Bankfachfrau. Banken werben wie problemlos und unabhängig unser Leben durch all diese „Erleichterungen“ wird. Einfach App runterladen und loslegen. QR Code Überweisungen quasi vom Strand aus.

Diese vorgegaukelte Unabhängigkeit – frei von unnötigen Schalterbesuchen – aber vor allem die Sorge um meinen individuellen Lebensstil erstaunt mich doch immer wieder in den Anschreiben diverser Banken, die gerne Kunden meiner Altersgruppe, also mittlerweile Ü 65, anlocken möchten. Meine Individualität scheint aber schnell an ihre Grenzen zu stossen, besonders wenn meine Bank mir vorschreibt, wann ich ein neues Handy kaufen muss. Wer kennt sie nicht, diese Push-up Meldung: Ihr Betriebssystem wird leider nicht mehr unterstützt.

Der nächste Job lauert schon: Das neue Handy einrichten, Daten ganz unkompliziert übertragen – einfach Handys nebeneinander legen. Ob meine Bank mir die Stunden bezahlt, die ich mit der Beantragung neuer Passwörter oder auf der Suche nach verlorenen Chatverläufen verbracht habe?

Bildnachweis: Pixabay hochgeladen am 17.März 2018 von geralt